Eine Wanderung und zwei Gipfel, wenn man sie denn findet

 

Jochberg über Sonnenspitz

Für heute hatten wir eine Wanderung geplant. Wir wollten über den Sonnenspitz auf den Jochberg. Nach der vorherigen Nacht im Auto und dem Spaziergang, der doch etwas anstrengender wurde als geplant, waren wir immer noch ziemlich kaputt, aber die Wanderung ganz bleiben zu lassen, kam für uns auch nicht in Frage. Also hieß es wohl Zähne zusammen beißen und durch. 

Nach dem wir erst einmal ordentlich gefrühstückt hatten (diesmal gab es sogar was zu essen und nicht nur Kaffee), sammelten wir all unsere Kraft, um uns auf den Weg zu machen. Der Ausgangspunkt der Wanderung war fast an der selben Stelle, wie der für den Lainbachfall, weshalb wir zur Abwechslung mal keine Schwierigkeiten hatten, ihn zu finden. 

 

Sonnenspitz wir kommen. Wir versuchen es jedenfalls

Schon nach den ersten 100 Metern waren wir fix und fertig. Wir fühlten uns beide als hätten wir Blei in den Beinen. So etwas hatten wir noch nie erlebt. Keuchend setzten wir einen Fuß vor den anderen, aber obwohl es uns beiden nicht gut ging und wir ernsthaft daran zweifelten, den Gipfel zu erreichen, war umkehren keine Option. Wir hatten uns die Wanderung in den Kopf gesetzt und nachdem wir immer Predigen, dass es keine Ausreden gibt, stiefelten wir weiter. 

Wir waren viel langsamer als gewöhnlich Unterwegs und legten auch deutlich mehr Pausen ein, aber mit jedem einzelnen Schritt kamen wir dem Gipfel ein kleines Stückchen näher. Wir verließen den ausgeschilderten Wanderweg und folgten einem schmalen Pfad in den Wald, der uns laut Wegbeschreibung, zwar etwas anspruchsvoller, aber auch von weniger Wanderern besucht, zum Gipfel führen sollte. 

Der Weg wurde schnell steiler und wir verfluchten uns ein wenig dafür, nicht auf dem einfacheren Weg geblieben zu sein, aber wir wollen uns auch mit jeder neuen Wanderung ein bisschen mehr fordern. 

Nach dem anstrengenden und steilen Aufstieg erreichten wir eine riesige Felswand, an der wir auf einige Kletterer trafen. Kochel ist ein großartiges Gebiet zum Klettern, weil dort für alle Schwierigkeitsstufen etwas geboten wird. Ich selbst war im letzen Jahr auch schon zum klettern dort. 

Wir legten eine kleine Pause ein, und sahen den Kletterern einige Zeit zu. An dieser Felswand waren nur sehr schwierige Routen und es war für uns als Kletterneulinge sehr beeindruckend, was dort abgeliefert wurde. 

Als wir etwas verschnauft hatten und uns der Schweiß nicht mehr in Strömen herunter lief, beschlossen wir weiter zu gehen. Wir erreichten kurz darauf einen Steilhang, dem wir über Serpentinen nach oben folgen mussten. Es war verdammt steil, und jede einzelne dieser Serpentinen schien uns einfach unendlich. Was uns aber am meisten fertig machte war, dass nach jeder die wir geschafft hatten, eine weitere folgte. Gefühlt stundenlang schleppten wir uns die Serpentinen hinauf, immer noch mit Blei in den Füßen. Wir waren fix und fertig. 

Wir machten auf kurze Distanz sehr viele Höhenmeter und bald waren wir uns Sicher, dass es nicht mehr weit bis zum Gipfel sein konnte. Das spornte uns an und wir holten noch die letzten Kraftreserven aus uns heraus.

Sonnenspitz

Es war doch noch deutlich weiter zum Gipfel als wir vermutet hatten, aber durch den neuen Kraftschub schafften wir es trotzdem. Ihr könnt euch unsere Erleichterung gar nicht vorstellten, als wir endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, den Gipfel erreicht hatten. Als wir das kleine Gipfelkreuz entdeckten, waren wir erst etwas enttäuscht, aber die unglaubliche Aussicht die sich uns bot, entschädigte uns dann für alles. Wir machten erneut Rast und aßen eine Kleinigkeit. 

Wir waren völlig geschafft und jeder Muskel brannte. Einige Zeit spielten wir mit dem Gedanken, es doch nur bei einem Gipfel zu belassen, aber dann wären wir von uns selbst nur enttäuscht gewesen. Da uns nur noch die Gratwanderung zum Jochberg bevor stand, und wir den Großteil an Höhenmetern bereits hinter uns gebracht hatten, waren wir uns sicher, dass es ab jetzt nur noch besser werden konnte. 

Oh wie falsch wir doch damit lagen. Das schlimmste stand uns noch bevor, aber hätten wir das geahnt, wären wir wahrscheinlich wirklich umgedreht.

Von wegen Gratwanderung

Wir rafften uns wieder auf und gingen weiter. Nächstes Ziel Jochberg. Die Pause hatte uns gut getan, auch wenn sich immer noch jeder Muskel wie Stein anfühlte. 

Erst ging es ein kleines Stück bergab, bevor es dann über den Grat weiter ging. Ab dem Sonnenspitz hätte der Weg eigentlich wieder ausgeschildert sein sollen, aber davon sahen wir nichts, als wir vor der ersten Weggabelung standen. 

Absolut planlos standen wir davor. Da es zum Jochberg noch ein paar Höhenmeter zu bewältigen gab, wählten wir den Weg, der weiter Bergauf führte. Wir liefen immer weiten, den felsigen Abgrund immer neben uns, als der Weg ohne Vorwarnung einfach endete und nur noch ein anderer Weg hinunter ins Tal führte. Keiner von uns beiden war sonderlich überrascht darüber, dass wir uns mal wieder verlaufen hatten. Das gehört bei uns irgendwie schon dazu. 

Uns blieb nichts anderes übrig als umzukehren und alles wieder zurück zu laufen, wenn wir noch zum Jochberg wollten. Die meisten Leute hätten sich wahrscheinlich darüber geärgert, aber wir konnten über unsere eigene Dummheit eigentlich nur lachen. 

Ich glaube, das ist einer der Hauptgründe, warum Natalie und ich so ein gutes Team sind. Selbst wenn absolut alles schief geht, nehmen wir es immer mit Humor, denn was hat man schon davon, sich über Dinge aufzuregen und zu ärgern, an denen man sowieso nichts mehr ändern kann.

Zurück bei der Weggabelung folgten wir also dem anderen Weg, in der Hoffnung, jetzt endlich richtig zu sein. Es ging immer weiter bergab, was uns gar nicht gefiel, denn das bedeutete, dass wir doch noch deutlich mehr Höhenmeter vor uns hatten. Jeder Schritt hinunter bedeutete, dass wir wieder einen Schritt mehr nach oben hatten. Wir kamen in einen Kessel und fanden endlich wieder einen Wanderwegweiser. Die Erleichterung war groß, als wir endlich die Bestätigung hatten, dass wir noch auf dem richtigen Weg waren, aber es handelte sich definitiv nicht um eine Gratwanderung. Ich muss eingestehen, dass das ein Fehler meinerseits war. Das kommt davon wenn man Wegbeschreibungen nur flüchtig überfliegt. 

Wir folgten dem Weg auf einer langen geraden Strecke durch den Kessel, bis es wieder auf einem schmalen Pfad bergauf in den Wald ging. Jetzt war es an der Zeit, all die Schritte die wir gerade bergab gemacht hatten, wieder hinauf zu gehen. Der Weg war steinig und felsig und führte uns immer steiler durch den Wald hinauf.

Bald lichtete sich der Wald und der Weg führte weiter über eine Weide. Nur kurz darauf konnten wir dann die Alm und den Gipfel des Jochberg in der Ferne sehen. Es tut gut sein Ziel vor Augen zu haben. Es wirkte nicht mehr so unerreichbar und gab uns noch einmal Kraft. Vor allem der Anblick der Alm, weil wir beide schon wieder tierischen Hunger hatten. 

Wir legten einen Zahn zu und steuerten die Alm an. Der Gedanke an etwas leckeres zu essen, beflügelte uns regelrecht. 

Kurze Zeit später hatten wir sie endlich erreicht, um dann entsetzt festzustellen, dass sie geschlossen war. 

Zutiefst enttäuscht und immer noch hungrig machten wir uns also auf den Weg zum Gipfel, als Natalie bemerkte, dass der Polfilter der Kamera weg war. 

Er war noch recht neu und auch nicht unbedingt billig, also machten wir uns sofort auf die Suche. Keine 10 Minuten später hatten wir ihn auch schon wieder gefunden. Das nenne ich mal wirklich Glück im Unglück. 

Jetzt konnten wir uns endlich auf zum Jochberg Gipfel machen. Das riesige Kreuz stets vor Augen schleppten wir unsere müden Muskeln immer weiter bergauf. Es war weiter als man von der Alm aus gedacht hätte, aber wir schafften es mit letzter Kraft bis nach oben. Da wir mal wieder relativ spät dran waren, waren wir fast ganz alleine auf dem Gipfel. Wir genossen die schöne Aussicht und machten unseren Gipfelbucheintrag, bevor wir uns auch schon wieder auf den Rückweg machen mussten, wenn wir nicht im dunklen gehen wollten.

 

Die Sache mit der Orientierung

Bergab ging es dann wieder deutlich besser und wir kamen gut voran, bis uns nach etwa einer Stunde klar wurde, dass wir auf dem falschen Weg waren. Wir mussten eine Abzweigung verpasst haben, aber es war nirgendwo ein Schild gewesen. Das Schild vor dem wir jetzt allerdings standen, führte zum Walchen- und nicht zum Kochelsee. 

Da es schon begann zu dämmern und uns keine Zeit blieb, wieder zurück zu laufen und den richtigen Weg zu suchen, beschlossen wir dem Weg zum Welchensee zu folgen und dann im Tal nach Kochel zu laufen. Das hielten wir im Dunklen für sicherer. Also folgten wir dem „falschen“ Weg immer weiter bergab. 

Es wurde immer steiler, und der Kies war so locker, dass wir immer wieder ins rutschen kamen und einige Male beinahe auf unseren Hinterteilen gelandet wären. Dadurch das wir so langsam und Vorsichtig laufen mussten, zog sich der Weg ins Tal wie Kaugummi. Es wurde immer dunkler und als wir den Walchensee endlich erreicht hatten, war die Sonne schon längst untergegangen. Wir folgten dem Ufer des Walchensees, bis zu dem kleinen Örtchen von dem aus die Bundesstraße nach Kochel führte. 

Als wir das Örtchen endlich erreicht hatten, war es bereits stock finster. Wir wussten, dass ein Wanderweg vom Walchensee, vorbei an einem Wasserfall, zum Kochelsee führte, aber mit nur einer Stirnlampe (leider nicht so gut. Brauche dringend eine bessere) und einer Handytaschenlampe, bei der wir nicht wussten ob der Akku reicht, schien uns das etwas zu riskant. Wir entschieden uns für die leider längere Strecke auf der Bundesstraße. Sie führte erst in Serpentinen bergauf und dann wieder bergab in Richtung Kochel. Zu allem Überfluss begann es dann auch noch zu regnen. Uns blieb einfach nichts erspart. Wir folgten der Bundesstraße schier unendlich, mit brennenden Muskeln, schmerzenden Füßen, knurrenden Mägen und bibbernd vor Kälte, zurück bis nach Kochel (unser Tipp: Immer entgegen der Fahrtrichtung laufen. Da seht ihr früher wenn ein Auto kommt).

Ich glaube, es war noch nie einer von uns so glücklich darüber, den Campingplatz wieder erreicht zu haben, wie an diesem Abend. Vollkommen erschöpft fielen wir ins Zelt und hatten nicht einmal mehr genug Kraft etwas zu essen. Die, die uns kennen, können sich jetzt vorstellen, wie kaputt wir waren.

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